Stammbaum der Familie Krämmer / Wacker
Die Hexenverfolgung

Diese Seite habe ich erstellt, weil die Margarete Siekmann, Vorfahrin meiner Ehefrau, im Jahre 1653 in Lemgo als " Hexe " hingerichtet wird .
Der Leitfaden
Der
Leitfaden für die systematische Verfolgung und Ermordung von „ Hexen “ war
das Buch „ Der Hexenhammer “, herausgegeben 1488 von zwei deutschen
Dominikanermönchen - mit päpstlicher Druckerlaubnis . Der Vatikan sicherte den
Wahnsinn noch zusätzlich durch eine päpstliche Bulle ab . Die
Hexenverfolgung entsprang dem Glaube der Menschen, dass es Menschen gebe
die andere Menschen verzaubern können, im Guten wie im Bösen . Auch gäbe es
Menschen die Unwetter , wie Hagelschauer heraufziehen lassen könnten .
Mäuseplagen und andere unerklärlichen Naturkatastrophen wurden " Hexen
" zugeordnet . Bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts starben durch den Hexenwahn in Europa nach vorsichtigen Schätzungen
zwischen 40 000 und 100 000 Menschen, überwiegend Frauen ( Main - Echo, 12.3.99
),
nach anderen Schätzungen etwa eine Million . Die Hälfte der Opfer, darunter
auch Kinder, starb auf dem Boden des heutigen Deutschland . Auch hier verfolgten
beide Konfessionen gleichermaßen die angeblichen Hexen, für die es nach "
peinlicher Befragung " unter schrecklichen Folterqualen kein Entrinnen gab . Erst die Aufklärung
machte den Verbrechen ein Ende .
Der
Hexenhammer wie die gesamte Hexenlehre überhaupt war durch eine ausgesprochene
Frauenfeindlichkeit geprägt . Heinrich Institoris begründet seine These, dass
mehr Frauen als Männer Hexen seien, mit der Geschwätzigkeit, der Bosheit, der
Leichtgläubigkeit, dem Zorn, der Rachsucht, der Lüge, der Eitelkeit und dem
Unglauben dieses Geschlechts . Wenn andere konventionelle Hexentraktate oft überraschend sparsam
ihren Frauenfeindlichen Standpunkt entfalten, deutet das nicht auf diesbezügliche
Zweifel hin, sondern ist eher ein Zeichen dafür, dass den Dämonologen die stärkere
Veranlagung der Frauen als der Männer zur Hexerei als so selbstverständlich
erschien, dass sie mehr als kurze Hinweise darauf für überflüssig hielten .
Die Hexenlehre war also eindeutig darauf angelegt, vorwiegend Frauen als Hexen
zu verfolgen. Trotzdem schloss sie nicht aus, dass auch Männer dem Teufel
erliegen könnten . In Deutschland wurden die Hexenprozesse etwa zu 75 % gegen
Frauen geführt . Die These von der Hexenverfolgung als Frauenverfolgung kann
deshalb nicht vollständig, aber doch hauptsächlich bestätigt werden . Die
Hexenlehre, ein kompliziertes , in lateinisch geschriebenen Büchern
niedergelegtes System, war direkt nur den Gebildeten zugänglich,
welche zu dieser Zeit einzig und allein Männer waren . Die Hexenverfolgung fand
vor allen Dingen in Süddeutschland und in nicht ganz so starkem Masse in
Westdeutschland statt . Besonders in Süddeutschland betraf sie alle
Bevölkerungsschichten . Wie sie in der
Grafschaft Lippe auf die Obrigkeit, die Justiz und die Geistlichen gewirkt hat,
soll im folgenden untersucht werden .
Die
Hexenverfolgung in der Grafschaft Lippe
Die
Entscheidung über die Zulassung oder Durchführung von Hexenprozessen fiel in
Deutschland auf der Ebene der Territorialobrigkeiten . In
der Grafschaft Lippe gab es allerdings die Besonderheit, dass die Stadt Lemgo in
der Handhabung ihrer Hochgerichtsbarkeit autonom war . Doch sowohl die Grafen, die im 16. und 17. Jahrhundert die Herrschaft
innehatten, als auch die Bürgermeister Lemgos, die den Vorsitz vor dem "
Peinlichen Gericht " führten,
erkannten die Hexenlehre als Wahrheit an . Sie akzeptierten den Schadenzauber
als Indiz für Hexerei und erlaubten die Verfolgung von Hexen als Dienerinnen
des Teufels im öffentlichen Interesse .
Die Juristen
Von
den Juristen in der Grafschaft Lippe wurde die Hexenlehre übernommen . Bei der
Prozeßführung galt die Hexerei als häretischer Begriff und die Machenschaften
des Teufels wurden in den Vordergrund gerückt .
Standartisierte Fragenkataloge für die Angeklagten und die Zeugen, die
nach der Hexenlehre ausgerichtet waren, wurden seit den 80er Jahren des 16.
Jahrhunderts die Regel .
Der Verfolgungswille der Juristen war in der Grafschaft Lippe regional
differenziert vorhanden . In Lemgo förderte der Rat die Prozessführung
, das dörfliche
Gogericht hingegen wirkte auf die Hexereibeschuldigungen hemmend, da der Kläger
befürchten mußte, dort nicht zum Ziel zu kommen oder sogar bestraft zu werden
.
Auch die Frauenfeindlichkeit der Hexenlehre wurde von den Juristen übernommen
und drückte sich direkt in der Art ihrer Prozeßführung aus . In den
lippischen Dörfern zum Beispiel sortierten die Strafverfolger die verdächtigten
Männer in der Regel als harmlose Fälle aus und gingen dem Verdacht nicht
weiter nach . Nur bei Männern mit stark abweichendem Verhalten strengten sie
einen Prozeß an . Ein
weiteres Beispiel ist Lemgo. Hier befanden sich unter den Personen, die Hexen
auf der Folter als Komplizen besagt hatten, relativ
gesehen mehr Männer als unter den Angeklagten und unter diesen wiederum mehr
als unter den Verurteilten . Für Frauen war demzufolge die Gefahr, dass eine
Besagung zu einer Verurteilung führte, größer, als sie unter denselben Umständen
für einen Mann war . Trotzdem
erhöhte sich der Anteil der hingerichteten Männer in Lemgo von ca. 6 Prozent
in den Jahren 1628-1637 auf ca. 25 Prozent nach 1653 . Auf
dem Höhepunkt der Verfolgung fiel
also die primäre Orientierung auf das Geschlecht weg .
Die Ausführungen zeigen, dass den Juristen eher Frauen als Männer für das
Hexereidelikt anfällig schienen und sie Frauen härter als Männer verfolgten .
Auf dem Land und bis zu den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts auch in den Städten
kann deshalb die These von einer Frauenverfolgung durchaus bestätigt werden . Für
die Zeit der Massenprozesse jedoch ist sie fehl am Platz .
Bei
den Geistlichen muß bezüglich der Hexenprozesse zwischen der geistlichen Führungsschicht,
zu denen in Lippe die Superintendenten und theologischen Professoren gehörten,
und den einfachen Dorfpfarrern
unterschieden werden .
Für die geistliche Führungsschicht standen bei Hexenprozessen der Bund mit dem
Teufel, die Sorge um das ewige Leben und die Gefahr der Ansteckung anderer im
Vordergrund . Die Schadensdelikte selbst wurden als nebensächlich angesehen . Sie
argumentierten also, wenn sie um Rat gefragt wurden, genau nach der Hexenlehre,
bei welcher ja auch das Hauptcharakteristikum der Hexen der Teufelspakt war .
Eine Besonderheit bei einigen war, dass sie dem Teufel beinahe göttliche Macht
einräumten, was zu einer fanatischen Verfolgungsbereitschaft führte .
Auch den Dorfpfarrern war die Hexenlehre bekannt . Doch waren sie zu sehr in die
Dorfangelegenheiten verwickelt, um dies Theorem in den Vordergrund zu stellen .
Auch konnten sie sich eher in die Lage einer Verdächtigten hineinversetzen . Viele
Pfarrer zeigten eine geringe Bereitschaft, bei Zaubereidelikten hart und schnell
durchzugreifen, andere trugen zur Auslösung von Prozessen bei . Ein
eindeutiges Verhalten kann hier nicht festgestellt werden .
Nur die geistliche Führungsschicht nahm die Hexenlehre mit ihrer
Frauenfeindlichkeit als Maßstab bei den Hexenprozessen . Die einfachen Pfarrer
waren so sehr in die Angelegenheiten ihrer Gemeinde verwickelt, daß ihr
Verhalten jenem der Bevölkerung, welches nachfolgend erörtert wird, entsprach
.
Die
Obrigkeit, die Juristen und die Geistlichen von Lippe waren alle von der
Wahrheit der Frauenfeindlichen Hexenlehre überzeugt . Die Verfolgungspraxis der
Justiz, welche von der Obrigkeit legitimiert und von der geistlichen Führungsschicht
unterstützt wurde, war durch Misogynie geprägt . Eine Ausnahme bilden die
einfachen Geistlichen, welche nur teilweise die Justiz in ihrem Verfolgungseifer
unterstützten . Die Hexenprozesse in Lippe wurden gemäß der Hexenlehre geführt
. Es wurden zwar nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich Frauen verfolgt
.
Hexenverfolgung
in Lemgo
Dr. Johan Stute
Die
Hexenverfolgung in Lemgo begann etwa 1625 mit dem Bürgermeister Dr. Johan Stute
. Während seiner Amtszeit und unter seiner Führung kam es zu etwa 25
Hexenprozessen . Mit ihm begann die erste Periode der Hexenverfolgung in Lemgo
. Dr. Johan Stute wurde etwa 1577 in Herford geboren . Er studierte ab dem 2.
November 1606 Jura an der Ruprecht - Karls - Universität in Heidelberg und
schloss
sein Studium mit dem Doktortitel ab. Am 23.12.1614 wurde er Bürger der Stadt
Lemgo ( Bürgerbuch Nr. 2161 und 3270 ) . Etwa im Jahre 1615 heiratete er in
Lemgo die Tochter von Johann Derenthal . Ihr Vorname ist nicht bekannt . Von
1625 - 1635 war er im Zweijahresturnus Bürgermeister der Stadt . Er war als
verantwortlicher Bürgermeister in diesem Zeitraum an mindestens 23
Hexenprozessen maßgeblich beteiligt. Der Bürgermeister der Stadt Lemgo war
immer der Vorsitzende des " Peinlichen Gerichts " . " Peinliches
Gericht " war das Gericht in deren Prozessen es um Leben und Tod des
Beklagten ging . Mit Dr. Stute begann die erste
Verfolgungsperiode von „ Hexen " in Lemgo, die sich von 1628 –
1637 erstreckte .
Dr.
Heinrich Kerkmann
Dr. Johann
Stute, wechselte sich als Bürgermeister mit Dr. Henrich Kerkmann im
Zweijahresrythmus ab . He(i)nrich Ker(c)kman(n) wurde am 13. Dezember 1587 in
Lemgo in der westfälischen Grafschaft Lippe geboren . Sein Vater Henrich ( +
1603 ) entstammte einer Familie von landesherrlichen Bedienten in der
benachbarten Grafschaft Ravensberg ; als juristisch gebildeter Kanzler
bekleidete er eines der ranghöchsten bürgerlichen Ämter im Dienst des
lippischen Grafen . Die Mutter Anna Erp - Brockhausen gehörte einer seit
Jahrhunderten in Lemgo ansässigen Bürgermeister - und Gelehrtenfamilie an .
Kerkmann
wuchs in einem lutherischen Elternhaus auf und besuchte Schulen in Lemgo und
Salzuflen ; als Hauslehrer überliefert sind Anton Backhaus (später luth.
Pfarrer zu Lemgo St. Marien, + 1637) und Valentin Melasius (später Jurist in
Jena) . Gemeinsam mit diesem bezog er 1608 die Universität Rostock, wo er vier
Semester lang Jura studierte . Nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt von etwa
einem Jahr bei der Mutter in Lemgo folgten nochmals insgesamt fünf Jahre
Studium in Gießen, wo er 1616 mit einer Arbeit aus dem Bereich des Zivil -,
Kirchen - und Lehnsrechts promovierte . Bislang nicht nachweisen ließ sich die
Angabe der Leichenpredigt, wonach er in Gießen nur den Lizentiatentitel erwarb
und erst 1619 an der Universität Marburg den Doktorgrad .
Für kurze
Zeit trat Dr. Kerkmann nun als Rat in den Dienst des Herzogs August zu
Braunschweig-Wolfenbüttel, bis ihn familiäre Pflichten wiederum zurückriefen
. Um 1621 wurde er dauerhaft im Lemgoer Elternhaus auf der Neustadt ansässig .
Durch seine Ehe mit Elisabeth, einer Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Jobst
Wippermann, festigte Kerkmann seine soziale und familiäre Spitzenposition in
der Stadt . So war es nicht verwunderlich, daß er seit 1626 mehrfach zum Bürgermeister
von Lemgo gewählt wurde, obwohl er bislang noch keine niedrigeren Ratsämter
bekleidet hatte . Die Position des Bürgermeisters wechselte er im
Zweijahresrythmus mit Dr. Johan Stute . Diese Verfahrensweise war in den Lemgoer
Statuten so vorgesehen . Zugleich stand er beim lippischen Herrscherhaus in
hohem Ansehen : Für den Grafen Otto aus der Nebenlinie zur Lippe - Brake
unternahm er eine Reise nach Prag ; um 1640 war er für mehrere Jahre als
Geheimer Rat des Grafen Philipp zu Schaumburg-Lippe tätig ; und nicht zuletzt
unterhielt er zeitlebens enge Beziehungen zur Stammresidenz in Detmold, wo man
ihn 1649 zum Hofgerichtsassessor berief, d. h. zum Beisitzer an einem der beiden
lippischen Obergerichte . Nicht nur von der Herkunft, sondern auch vom Werdegang
her gesehen, verkörperte Kerkmann somit einen Mischtyp zwischen dem Stadtbürger
und dem bürgerlichen Gelehrten im Fürstendienst .
Doch diese glänzende
soziale Ausgangsposition erfuhr eine harte Bewährungsprobe im Dreißigjährigen
Krieg, der auch für Lemgo und für Kerkmann persönlich zur Leidenszeit geriet
. Die Stadt wurde zweimal geplündert, das undankbare Amt des Bürgermeisters
kostete nun zweifellos besonders viel Zeit und Kraft . Nachdem seine Frau 1634
verstorben war, ging Kerkmann zwei Jahre später eine neue Ehe mit Maria
Magdalena Vilthut ein, die aber nur acht Wochen später einer Pestepidemie erlag
. Obwohl selbst ebenfalls erkrankt, kam der Witwer mit dem Leben davon . Auffällig
lange, fünf Jahre, wartete er, bis er ein drittes Mal heiratete . Die Wahl zum
Bürgermeister 1637 nahm er nicht an .
Gleichzeitig
mit der öffentlichen und privaten Zuspitzung der Krise häuften sich die
Hexenprozesse in Lemgo - wie vielerorts zu dieser Zeit . In den Jahren 1628 - 37
fielen der ersten großen Verfolgungswelle des 17. Jahrhunderts mindestens 86
Personen, davon 81 Frauen, zum Opfer . In seinen ersten Amtsperioden zwischen
1626 und Januar 1631 wirkte Kerkmann daran mit, die städtische Hexenjustiz zu
perfektionieren und die Hinrichtungskosten durch Abkehr von der
Verbrennungsstrafe niedrig zu halten, was eine Ausweitung der Exekutionen ermöglichte
. Entsprechend dem in Lemgo üblichen Brauch von zwei einander abwechselnden
Ratsbesetzungen, wurde Kerkmann seit 1639 regelmäßig alle zwei Jahre zum Bürgermeister
gewählt . So war er, der in der Stadt als Experte für Hexensachen galt, auch
an der zweiten, ebenfalls sehr intensiven Lemgoer Prozeßwelle von 1653/56 maßgeblich
beteiligt, gemeinsam mit seinem Studienfreund und langjährigen Mitarbeiter, dem
Stadtsekretär Johannes Berner .
Obwohl sich
gegen Kerkmanns autoritäres Regiment zeitweise aus den Reihen der Bürgerschaft
und konkurrierender Führungsfamilien ( Kleinsorge ) heftiger Widerstand regte,
behielt er das Heft bis zum Schluß in der Hand . Folgenschwer war die Tatsache,
dass es ihm gelang, noch kurz vor seinem Tod seinem Nachfolger Hermann Cothmann
den Weg zur Macht zu ebnen : Die harte Kerkmannsche Linie eigentlich nur
fortsetzend, blieb allein dieser als „ Hexenbürgermeister " im
kollektiven Gedächtnis der Stadt Lemgo .
Nach kurzer
Krankheit starb Kerkmann am 26. März 1666 in seiner Geburtsstadt . Als Kampf
eines „ christlichen Ritters" gegen den Teufel und gegen „ die Welt /
die gantz im Argen liegt" (Leichenpredigt), wollte er seine Amtsführung
verstanden wissen. Aus seiner dritten Ehe mit Catharina Elisabeth Than aus Lübbecke
(1641) überlebten ihn sechs Kinder, wovon ein Sohn ebenfalls zum Lemgoer Bürgermeister
gewählt wurde . Nach dessen Tod zog die Witwe fort, und das Wohnhaus verfiel
allmählich . Bekannt als „ Alte Abtei " , beherbergt es heute die
städtische Volkshochschule. Schräg gegenüber erinnert das Museum „
Hexenbürgermeisterhaus " auch an Kerkmanns Wirken in der Stadt .
Dr. Hermann
Cothmann
Herman(n)
Cothman(n) (* 1629 in Lemgo, + 1683 ebd.) wurde am 1. Mai 1629 in Lemgo geboren,
der damals größten Stadt der westfälischen Grafschaft Lippe . Sein Vater
Dietrich war Abkömmling einer der ältesten Führungsfamilien der Stadt, aus
der auch Hermanns Großonkel, der bekannte Jurist und Rostocker Professor Ernst
Cothmann hervorgegangen war ; die Mutter Catharina Goehausen gehörte einer aus
Brakel im Fürstbistum Paderborn stammenden Beamten - und Gelehrtenfamilie an,
ihr Bruder Hermann Goehausen war Rechtsprofessor in Rinteln . Doch konnten die
Eltern den Anspruch, den sie mit dem Erwerb eines prächtigen Hauses in der
Neustadt dokumentiert hatten, in der unruhigen Zeit des Dreißigjährigen
Krieges nicht einlösen : Der Vater blieb wirtschaftlich und politisch
weitgehend erfolglos, seine Frau fiel gar 1654 einer Welle von Lemgoer
Hexenprozessen zum Opfer .
Nach dem
Schulbesuch in Lemgo, Osnabrück und Herford studierte Hermann Cothmann 1649-51
in Rostock und 1657 - 59 in Jena insgesamt acht Semester Jura . In der
Zwischenzeit war er bei einer Adelsfamilie auf Rügen als Hofmeister angestellt,
verfolgte aber auch dort gerichtliche Auseinandersetzungen mit und gelangte
schließlich als Begleiter seines Schützlings wieder an die Universität .
Geldmangel und soziale Isolation - der schlechte Ruf seiner hingerichteten
Mutter hing ihm an - trübten die Studienzeit .
1661 kehrte
Cothmann nach Lemgo zurück und trat die juristische Praxis an . Nachdem
inzwischen auch der Vater verstorben war, konnte eine Zwangsversteigerung des
belasteten und verfallenen Elternhauses nur mit Mühe verhindert werden . Am 12.
Februar 1663 heiratete er Christina Elisabeth, eine Tochter des fürstlich
osnabrückischen Vogts Wilhelm de Baer zu Dissen . Am 28. November desselben
Jahres leistete er den Bürgereid .
Für seine
nun folgende rasche politische Karriere in der Stadt war entscheidend, dass er
schnell Eingang in den Personenkreis um den mächtigsten Mann der Stadt fand,
den langjährigen Bürgermeister Dr. Henrich Kerkmann . Dieser designierte
Cothmann gleichsam zu seinem Nachfolger, indem er ihn am 16. Januar 1666 durch
den Stadtrat zum „ Directore des Peinlichen Processus c[on]t[ra] die
Unholden und Hexen " wählen ließ . Die Nachfolgefrage war zu dieser
Zeit aus mehreren Gründen akut geworden : Die Führungsspitze des Rates war
selbst für frühneuzeitliche Verhältnisse völlig überaltert, und mit der
Selbstbezichtigung eines jungen Mädchens hatte sich 1665 eine neue Hexenprozeßwelle
angekündigt - nach 1628/37 und 1653/56 sollte es die dritte große in diesem
Jahrhundert werden . Denn Cothmann setzte die Tradition seines Vorgängers
Kerkmann, eines für seine unbarmherzige Strenge berüchtigten Juristen und
Spezialisten für die Hexenverfolgung, so intensiv fort, daß er bereits im
ersten Amtsjahr 37 Todesurteile fällte .
Im Januar des
folgenden Jahres 1667 wurde er zum Bürgermeister gewählt und übte diese
Funktion mit Ausnahme von 1669 und 1674 ununterbrochen bis zu seinem Tod aus -
bis dahin ein einmaliger Fall in der Lemgoer Stadtgeschichte, da bislang die
umschichtige Regierung von zwei verschiedenen Ratsbesetzungen üblich gewesen
war . In den Jahren 1665 - 69, 1675/76 und 1681 fielen den Hexenverfolgungen
rund hundert Menschen zum Opfer, davon der überwiegende Teil unter seiner
Verantwortung . Unter den Hingerichteten waren überdurchschnittlich viele Männer
und Angehörige der oberen bürgerlichen Schichten, darunter der Ratsapotheker
David Welmann und der Pfarrer Andreas Koch .
Cothmann gehörte
der lutherischen Konfession an, deren Beibehaltung die Stadt Lemgo 1617 nach
langen Auseinandersetzungen mit den reformierten lippischen Grafen verbrieft
erhalten hatte . Begünstigt durch diese besondere politische und rechtliche
Lage, die dem Rat u. a. auch die fortgesetzte Ausübung der Blutgerichtsbarkeit
ermöglichte, erlangte er eine bedeutende Machtstellung, die er zur Errichtung
eines autoritären Regiments nutzte . Die autokratischen Züge seiner Herrschaft
lassen sich zum einen als zeittypische Tendenz deuten, zum anderen aber
verweisen sie auf die bislang nicht beachtete Tatsache, daß Cothmann in der
Lemgoer Stadtgesellschaft relativ isoliert war und über keine „
Hausmacht " im Rat verfügte . Möglicherweise trug diese mangelhafte
Verwurzelung in der Stadt auch zur ungehemmten Eskalation der Verfolgungen bei,
hatte der Bürgermeister doch keine persönlichen Rücksichten zu nehmen . Zwar
klagten seine Gegner aus den Gremien der Bürgerschaft, er regiere „ wie
ein Monarcha " und bereichere sich, effektiver Kontrolle entzogen, am
Eigentum der Stadt und seiner Mitbürger ; trotzdem stützte der lippische Graf
aus Furcht vor Unruhen im Zweifel stets die Herrschaftsgewalt der
„ Herren von Lemgo " . Wie sein Vorgänger Kerkmann stand auch
Cothmann dem lippischen Landesherrn sehr nahe, der ihn schon vor seiner Wahl zum
Bürgermeister zum gräflichen " Landrat " angenommen und
mit Kommissionen betraut hatte .
Als die
Verfolgungen in Lemgo immer noch andauerten, obwohl man sich vielerorts schon
davon distanziert hatte, sprach schließlich sogar das Reichskammergericht
vom „ blutdürstigen Gemüth des unbarmhertzigen Richters und Bürgermeisters
Kothmann " . Zu dieser Zeit, um 1682, führte die nach einem Hexenprozeß
der Stadt verwiesene Maria Rampendahl durch ihren Ehemann einen Prozeß gegen die Obrigkeiten in
Lemgo und Detmold, der schließlich für den schweren Vorwürfen ausgesetzten
Rat gerade noch glimpflich ausging . Cothmann starb wenige Tage nach der
Urteilsverkündung an einer langwierigen fiebrigen Erkrankung ; nach seinem Tod
wurde eine Wiederaufnahme des zuletzt heftig umstrittenen Hexenprozesses vom Rat
nie mehr erwogen . Das Image einer Hochburg der Hexenverfolgung blieb gleichwohl
an Lemgo haften . Indem sich die Erinnerung an sein Wohnhaus mit der prächtigen
Renaissance - Fassade „ Hexenbürgermeisterhaus “ knüpfte, behielten
die Lemgoer Cothmann als dämonischen „ Hexenbürgermeister "
im Gedächtnis .
weitere Informationen im Web :